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Tanz III.

Zuerst lesen: Teil I, Teil II.

Nebel schränkt die Sicht ein, aber wir wissen genau, wo wir hinwollen. Zielstrebig bewegen wir uns die Straße entlang, vom Friedhof hinein in eine Vorortsiedlung. Schritt für Schritt. Ich gehe voran, O. läuft dicht hinter mir und folgt mir wie ein Schatten. Wir müssen einen absurden Anblick liefern – ein wanderndes Skelett und sein Schatten, der nicht die Form eines Skelettes hat. Wir sprechen kein Wort.

Doppelhaushälften mit Klinkerfassaden stehen dicht an dicht. Die Vorgärten aus Stein, hier und da liegen dekorative Glaskugeln und Tonvasen in ihnen. Die Häuser sind umgeben von Metallzäunen oder halbhohen Mauern. Vor jedem Haus mindestens ein Auto. Wir laufen vorbei an Schildern, auf denen „bissiger Hund – betreten auf eigene Gefahr“ steht. Das kaltweiße Licht von Straßenlaternen erhellt die Straße. Wir laufen in der Mitte und erkennen die Umrisse von Menschen, die uns vom Bürgersteig aus beobachten. Die Beobachter sind eingefroren, als hätte jemand eine Fernbedienung auf sie gerichtet und auf „Pause“ gedrückt. Die Apathie hängt wie schwerer Nebel in der Luft. Wir bleiben vor einem Haus am Ende der Straße stehen.

„Das ist es“, sagen O. und ich gleichzeitig.

Unten erhellt ein Fernseher das Wohnzimmer. Oben ist alles dunkel, nur ein Licht brennt, vermutlich im Schlafzimmer.

Auch dieser Vorgarten ist komplett versteinert. Ich sehe ein Kinderfahrrad, das an der Fassade lehnt. Eine Fußmatte, auf der steht: „Ohne Wein kommst du nicht rein“. Ich drücke den Türknauf herunter. Es ist offen. Das ist zu einfach.

Wir betreten das Haus und stehen mitten im Flur. Der schwarze Granitboden ist makellos. Es riecht nach Putzmittel und Febreze. Duftrichtung „Blütentraum“. Ich lasse meinen Skelettfinger über eine verspiegelte Anrichte auf der dekorative bunte Teelichter auf einem Läufer aus Polyester stehen, wandern und hinterlasse eine leichte Dreckspur mit meinem Finger. Nirgendwo ein Staubkorn. Ich folge dem Flickern des Fernsehers ins Wohnzimmer.

Ein Kind, vielleicht sechs Jahre alt, liegt auf dem Boden und starrt auf den Bildschirm. Vor sich ein paar Spielzeugautos. Als ich den Raum betrete, dreht es sich zu mir um.

„Oh“, sagt es. „Hallo“. Seine Stimme klingt zwar überrascht, aber nicht ängstlich.

„Deine Mutter“, grunze ich. „Wo ist sie?“

„Seid ihr Freunde von Mama?“, fragt es.

„Wo ist sie?“, wiederhole ich.

Das Kind deutet mit dem Zeigefinger auf die Treppe, die in der Mitte des Flures nach oben führt.

Ich nicke O. zu, der den weißen, vollkommen dreckverkrusteten Stoffhasen, den ich aus meinem Grab mitgenommen habe, hervorzieht und wende mich ohne ein weiteres Wort ab.

„Fang, Kleiner“, sagt O. und wirft den Hasen dem Kind zu, das ihn geschickt fängt.

„Hey, danke“, sagt es und wendet sich dann, mit dem Hasen in der Hand wieder dem Fernseher zu, als wäre das, was hier gerade vor sich geht, das Normalste der Welt.

Ich verlasse das Wohnzimmer und gehe am Fuß der Treppe in die Knie. Hochlaufen, das schaffen meine Skelettbeine, die mich kaum aufrechthalten und den ganzen Weg hier her getragen haben, nicht. Langsam beginne ich, mich nach oben zu robben.

A., der plötzlich im Flur auftaucht, verdreht bei meinem Anblick genervt die Augen, doch ich ignoriere ihn. Mein ganzes Sein ist darauf ausgerichtet, mich nach oben zu kämpfen. Unter seinem wachen, eiskalten Blick, der jede meiner Bewegungen genau verfolgt, ziehe ich mich nach oben. Stufe für Stufe. Eine Stufe noch. Und noch eine. Ich sehe nur das, was direkt vor mir liegt und schaue nicht nach unten, denn sobald ich durchdenke, was ich tue, werde ich starr vor Angst. Weiter, weiter, nach oben.

Oben angekommen gelingt es mir, mich unter größten Anstrengungen wieder aufzurichten. Da vorne ist die Tür zum Schlafzimmer. Das Ziel. Ich schleppe mich voraus, dicht gefolgt von O. und I.

A. beobachtet diese Prozession mit desinteressiertem Blick und vor dem Körper verschränkten Armen aus der Ferne.

Mit einem Ruck stoße ich sie auf. S. macht gerade in Leggins und Sport BH auf einer Yoga-Matte den nach unten schauenden Hund. Auf einem für den Raum zu großen Fernseher läuft ein YouTube-Video mit dem Titel „10 MIN STRONG YOGA WORKOUT – flowy stretching & yoga inspired exercises“. Neben S. steht ein Becher, der noch halb mit einem grünen Smoothie gefüllt ist. Er riecht, und das bemerke ich selbst durch meine Nasenreste, nach Rucola, Birne und Apfel. Bisschen Ingwer.

Ruckartig reißt S. ihren Kopf nach oben, fällt vor Schreck zur Seite um und versucht, panisch in eine Ecke des Raumes zu flüchten, während sie abwechselnd schreit und winselt. Sie stolpert erst über den Smoothie, der sich auf dem Teppich verteilt und dann über das Kabel der Stehlampe in der Ecke, das sie mit dem Fuß aus der Wand reißt. Es wird dunkel. Nur das Licht des Fernsehers erhellt den Raum.

„Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott …”

„Er wird dir nicht helfen”, sage ich sanft und lächele.

In diesem Moment verändert sich etwas in S.‘ Blick. Sie scheint langsam zu realisieren, wer da vor ihr steht. „Bist ….“, sie zögert. „Bist du es?“

„Was denkst du denn?“, antworte ich, geduldig lächelnd.

„Das ist unmöglich. Du bist …“, stammelt S., die Augen weit aufgerissen, Panik im Gesicht.

„Tod?“, helfe ich ihr auf die Sprünge.

S. nickt nur.

„Nun“, sage ich und während ich einen meiner knochigen Finger über ein Holzschild, auf dem „Home“ in geschwungenen Lettern steht, wandern lasse. „Das bin ich immer noch, aber nur halb. Und ich bin zurückgekehrt. Zurück zu dir. Du hast gedacht, du hast mich getötet, aber hier bin ich wieder, S. Und lass mich dir sagen: Was für ein schönes Heim du dir und deiner Familie hier errichtet hast.“

Ich rümpfe verächtlich die Nase, während ich meinen Blick schweifen lasse und höre gleichzeitig, wie I. in einer Ecke amüsiert gluckst und ein Lachen unterdrückt. Sofort wirft O. mir einen Blick zu und schüttelt den Kopf. Ich verstumme und nicke ihm zu. Ich verstehe: Wir sind nicht hier, um zu urteilen. Wir sind aus einem anderen Grund hier.

Ich nicke I. zu, der den Schalter eines holzverkleideten, leicht angestaubten Radios auf „ein“ stellt. Einzelne Klaviernoten erklingen, hängen sanft im Raum. „Begin again, begin again“ singt jemand.

Ich nehme S. an der Hand. Sie wehrt sich heftig und versucht, sich mir zu entziehen. Mit eisernem Griff halte ich sie fest. Es gibt kein Entkommen. Ganz nah ziehe ich sie zu mir und beginne, mich langsam im Takt der Musik zu bewegen. Meinen fauligen Atem stoße ich dabei in ihr Gesicht, das sie angeekelt verzieht.

„Du bist so ein Psycho“, kreischt sie und schaut mich mit verzehrtem Gesicht an. „Du … Monster.“

„Shhhh“, flüstere ich und lächele sanft. „Ganz ruhig.“

Die Musik erfüllt jetzt den ganzen Raum mit ihrem Klang. Ich lasse S. nicht los, ziehe sie im Gegenteil noch enger an meinen Skelettleib heran, und drehe mich weiter.

Als sie merkt, dass es sinnlos ist, gibt S. schließlich nach und hört auf, sich zu wehren. Wir tanzen wie ein Liebespaar, eng umschlungen. Pamela Reif ist auf dem überdimensionierten Fernseher eingefroren und wacht über uns.

„Was wirst du mit meinem Jungen machen?“, flüstert S. schließlich und ich spüre, dass sie vor Furcht zittert.

„Was soll ich mit deinem Kind?“, entgegne ich. „Kinder sprechen frei aus dem Herz heraus, was der Lehre von O. entspricht, der ich folge, unterscheiden nicht zwischen arm und reich, zwischen alt und jung, zwischen behindert und nicht behindert, zwischen den wie du es nennst Ausländern und echten Deutschen. Dein Kind schaut im Wohnzimmer Paw Patrol. Wir sind also ganz ungestört.“

„Bist du gekommen, um mich jetzt auch zu töten?“, flüstert S. und schluchzt.

„Das bin ich nicht. Ich bin auch nicht gekommen, um mit dir über Existenzialismus zu diskutieren“, höre ich mich sagen. „Nicht, um über Politik zu sprechen. Ich bin nicht hier, um deine Meinung über mich zu ändern. Ich bin nicht hier, um über dich zu urteilen. Ich bin nicht hier, um das, was du getan hast, nach vorne zu zerren und dich dafür zu bestrafen. Ich habe keine Rachegelüste und trage keine Wut auf dich in mir. Da ist kein Hass.

Es stimmt: Du und ich – wir sind so verschieden, wie zwei Menschen nur sein können. Ich verurteile dich nicht mehr dafür und ich erwarte auch nicht mehr, dass du mich nicht verurteilst und meine Art zu leben, zu denken und zu handeln, meine Gefühle, mein Herz verstehst. Ich erwarte nichts. Ich kritisiere jetzt, in diesem Moment auch nicht den Kapitalismus.

Was ich in mir trage, ist Mitgefühl. Für dich und mich – für die Tatsache, dass wir seitdem beide etwas weniger Mensch sind. Seitdem etwas weniger Würde in uns tragen.

Und ich bin nur aus einem einzigen Grund hier. Nämlich um dir zu sagen: Es ist genug da für uns beide. Genug Raum, genug Liebe, genug Geld, genug Möglichkeiten, genug Chancen, es ist von allem genug da – schau nur hin. Ich nehme dir nichts weg. So wie du mir nicht meine Stimme, meine Menschlichkeit und Würde nimmst. Ich weiß, du hasst, dass ich existiere. Ich existiere trotzdem. Damit musst du leben. Genauso, wie auch ich lernen musste, mit deiner Existenz zu leben. Wir beide müssen die Existenz des anderen aushalten.

Und ich möchte dir sagen, seitdem du mir ein Stück Würde genommen hast, vergeht kein Tag, an dem ich nicht Buße tue für die Grausamkeiten, die ich als Kind selbst begangen habe.

[Wendet sich dem Publikum zu und spricht in einen dunklen Saal hinein]

Ich hatte damals schon sehr viel Angst, auch davor, was passiert, wenn ich nicht mitmache. Und ich wollte dazugehören, wie mein ganzes Leben schon, bis ich aufgehört habe, das zu wollen. Ich verstehe, wie es sich anfühlt, weil es mir selbst passiert ist, wenn auch zu einer anderen Zeit und unter anderen Umständen. Und ich hoffe, ich werde irgendwann die Gelegenheit haben, mich persönlich bei dir zu entschuldigen, wenn du es wünschst und zulässt. Ich erwarte nicht, dass du mir verzeihst. Aber ich weiß, dass eine Entschuldigung heilsam sein kann. Was wir getan haben, war falsch und grausam – nichts anderes. Menschen sagen, ich solle nicht „so hart zu mir selbst sein“ und „Kinder sind halt so“, aber ich sehe das anders. Und so ist meine Art zu leben: Ich vergesse nichts, gar nichts, kein einziges Gefühl und ich spüre alles doppelt und dreifach, auch wenn ich das nicht will. Und ich kann erst Frieden finden, wenn ich mich begreiflich gemacht habe, was mir hoffentlich gelingt. Ein Alter ist keine Entschuldigung. Bitte entschuldige dass ich jetzt noch nicht dazu in der Lage bin, mich dir zu stellen. Ich bin schließlich gerade erst aus dem Grab auferstanden. Es tut mir aufrichtig leid und ich bitte um deine Vergebung. Und wenn du mir nicht vergeben kannst, hoffe ich, dass du die Erinnerungen loslassen kannst und ein volles Leben lebst – in Freiheit und so, wie es für dich richtig ist.

[wendet sich wieder S. zu]

Als ich mich mit S. im Arm weiter drehe, trifft mein Blick den von O., der eine Hand auf dem Herzen liegen hat. Ich lese in seinem Blick, was er mir sagen will und nicht aussprechen muss. Ich denke es nur und es ist diese innere Wahrheit, die selbst A. mit einem kurzen, zustimmenden Nicken anerkennt, bevor er wieder in seiner Blase verschwindet. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich ziehe S. eng an mich. Während ich schluchze und Rotz aus meinen Nasenresten läuft und meine Tränen in ihr Haar fallen, sehe ich nur noch verschwommen. I. macht die Musik lauter. Begin again, begin again. Immer weiter wiege ich mich im Takt und drehe mich im Kreis um mich selbst, S. fest im Arm.

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