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Painball.

Scharf ziehe ich die Luft ein. Etwas drückt meine Beine und Arme nach unten in die Matratze hinein. Das, was auf mir liegt, ist schwer, bleischwer. Ich hebe meine Hände und will es berühren, aber greife ins Nichts. Mit geschlossenen Augen taste ich panisch zuerst mein rechtes Bein von oben nach unten ab.

Jede Berührung, selbst wenn ich mit größter Vorsicht taste, fühlt sich an wie ein dumpfer Schlag mit einem Vorschlaghammer. Ein leichtes Massieren der rechten Wade – ein Schlag auf den Muskel mit dem Hammer. Dumpf und pochend. Der Muskel ist steinhart, und die Versteinerung zieht sich nach oben zum Oberschenkel. Mit zitternden Fingern wandern meine Hände nach oben zur rechten Kniescheibe und erfühlen sie vorsichtig. Der Schlag mit dem Hammer lässt nicht lange auf sich warten.

Zusätzlich haben sich über Nacht im Knie kleine Schmerzinseln am äußeren Rand der Scheibe gebildet; sie sind wie aus dem Nichts erschienen. Jede der Inseln ist bevölkert von eigenen Lebensformen, die mir so fremd sind wie Lebewesen von einem anderen Stern. Ich kann sie nicht sehen, aber ich spüre sie und höre sie leise sprechen in Sprachen, die ich nicht kenne, aber auf wundersame Weise trotzdem verstehe. Sie sagen, sie wollen sich in mein Knie hineinfressen, durch die Haut, das Fett, den Muskel hindurch, bis zum Knochen und den Knochen dann brechen in 10.000 Teile. Sie lachen.

„Wer seid ihr?“, murmele ich und erwarte keine Antwort, weil ich weiß, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Während ich spreche, registriere ich, dass Speichel aus meinem Mundwinkel läuft. Hastig fahren meine zitternden Hände nach oben. Meine Hüftknochen sind über Nacht zu Beton geworden. Steinhart. Als ich versuche, mich aufzurichten, erscheint es mir schier unmöglich, sie zu bewegen. Ich bin festbetoniert in meiner Matratze. Gefangen in einer weichen, viel zu langen und deshalb unangenehmen Umarmung.

So eine Matratze kann ein sicherer Hafen sein. Der Ort, an dem man zur Ruhe kommt am Ende eines langen Tages voller Geschäftigkeit, voll großer Worte und Versprechen. Eine Matratze kann aber auch zur Hölle auf Erden werden, wenn man nicht aufstehen kann, obwohl man es mit aller Kraft versucht, und wenn eine unsichtbare Macht einen wieder zurückdrückt. In meinem Fall ist diese unsichtbare Macht scheinbar eine Art unsichtbarer, überdimensionaler Vorschlaghammer, den ich bei jeder Bewegung und Berührung spüre. Der Speichel rinnt unkontrolliert aus meinem Mundwinkel, denn mein Gesicht fühlt sich ganz und gar taub an. Das bestätigt auch das äußerst vorsichtige Tasten meiner Finger, die meine Wangenknochen, den Nasenrücken und die Augenbrauen entlangfahren.

Taub, taub, alles taub.

Und ich weiß, dass mir das Schlimmste noch bevorsteht. Mit Schaudern denke ich daran, dass ich meine Augen öffnen muss. Denn an einer Sache gibt es nichts zu rütteln: Es gibt Pflichten im Leben, denen man nachkommen muss. Daran führt kein Weg vorbei, denn wenn wir diesen Pflichten nicht nachkommen, sind wir keine funktionierenden Mitglieder der Gesellschaft. Und wer kein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft ist, ist kein Mensch. Es ist nämlich das ständige und konstante Erfüllen von Pflichten, das uns überhaupt erst zu Menschen macht. So viel steht fest.

Weil mir diese Tatsache sehr wohl bewusst ist, versuche ich nun langsam, zuerst einmal ein Auge zu öffnen. Denn ohne Augen kann ich die Pflichten nicht erfüllen. Das ist ganz und gar unmöglich. Vorsichtig weise ich meine Muskeln dazu an, jetzt das rechte Augenlid zu heben. Ich spüre, wie die Haut, die meinen Augapfel schützt, zuckt – viel zu langsam. So als würde der Muskel, der gerade von meinem Gehirn den Befehl empfangen hat, sich zu bewegen, heute besonders träge, wie gegen ein unsichtbares Hindernis arbeiten. Nervtötend langsam hebt sich das rechte Lid nun, wie in Zeitlupe. Doch sobald der erste Lichtschein unerbittlich und hart auf meine Netzhaut trifft, bereue ich, dass ich meinem Muskel den Befehl zum Öffnen des Augenlids gegeben habe. Der Vorschlaghammer beginnt nämlich nun mit voller Kraft, in gleichmäßigen Abständen das Innere meiner Augäpfel zu bearbeiten. Schlag. Schlag. Schlag. Ich spüre, wie mein rechtes Auge unter der stumpfen Gewalteinwirkung förmlich aus der Höhle gedrückt wird. Der Schmerz nimmt mir für einen Moment komplett die Luft, und als ich realisiere, wie übermächtig dumpf und pochend der Schmerz ist, fällt mir auf, dass ich, während meine zitternden Hände meinen Schmerzkörper ertastet haben, die ganze Zeit die Luft angehalten habe.

Ich atme aus. Das Geräusch, das meiner Kehle entweicht, klingt gurgelnd, röchelnd, so, als würde tief in mir ein anderer sitzen, der mich steuert und das Atmen für mich übernimmt. Ich bin nur eine Hülle. Hier, um meine unumstößlichen Pflichten zu erfüllen. Das ist mir ganz klar. Und weil diese Pflichten keinen weiteren Aufschub dulden, schwinge ich nun unter Aufwendung aller mir zur Verfügung stehenden Kraftreserven meine bleischweren, steifen Beine über die Bettkante, ohne mir die Mühe zu machen, mein linkes Auge zu öffnen (dieses drückt mit aller Gewalt gegen mein Augenlid, und ich bin mir sicher, dass es aus der Höhle herausploppen würde, sobald ich das Auge öffne, deshalb verzichte ich darauf). Meine Beine sind steif und unbeweglich, und anstatt über die Kante des Bettes zu baumeln, bilden sie eine horizontale Linie in der Luft.

Ich komme nicht dazu, darüber nachzudenken, was für einen absurden Anblick ich liefern muss, wie eine Puppe mit steifen Gliedern, mit nur einem geöffneten Auge und sabbernd auf der Bettkante sitzend. Denn in meinem Kopf ist in diesem Moment nur Raum für einen Gedanken. Und das ist der an die Pflicht.

Als ich versuche, mich mit von unsichtbaren Vorschlaghämmern traktierten Armen von der Bettkante abzustoßen, um auf die Beine zu kommen, geben diese wie Pudding unter mir nach.

„Das macht doch nichts, das macht doch nichts“, denke ich mir. „Ich krabbele einfach über den Boden. Das macht doch nichts.“ Denn wenigstens funktioniert noch mein Gehirn. Zumindest bilde ich mir das ein, denn irgendwo ganz tief hinten in den Windungen meines Denkorgans höre ich kurz einen merkwürdigen, irgendwie unmenschlich wirkenden Laut, der so klingt, als würde ein Wesen aus einer anderen Galaxie versuchen, ein menschliches Lachen zu imitieren. Ich denke nicht weiter darüber nach. Ich denke nur an die Pflicht.

Mit zitternden Händen taste ich mich vorsichtig nach vorn. Auf den Knien krabbeln wie ein Baby ist leider doch nicht möglich wie geplant. Denn die bereits beschriebenen Bewohner der Schmerzinseln auf den Kniescheiben verhindern jegliche Belastung. Mit lang hinter mir ausgestreckten Beinen ziehe ich mich deshalb mit der letzten Kraft, die meine Arme aufbringen können, durch den Staub des Holzbodens. Mein rechtes Auge wandert langsam und unter Schmerzen durch den Raum und versucht, Tischbeine, Stühle und andere Hindernisse frühzeitig zu erkennen. Millimeter für Millimeter bewege ich mich vorwärts. Ein purer Kraftakt. Während weiterhin Speichel aus meinem Mundwinkel tropft und sich mit dem Staub auf dem Boden zu einer grauen Paste vermischt, röchele ich unablässig: „Die Pflicht, die Pflicht, die Pflicht!“. Ich kratze mit meinen Fingernägeln über den Boden und hinterlasse Spuren im Parkett. Ein Nagel bricht ab, es ist egal. Die Pflicht ruft, und nichts anderes erfüllt meine Gedanken. Ich öffne den Mund und sehe, dass sich Blut mit meinem Speichel vermischt. Ich lasse das Gemisch auf das Holz tropfen, während ich mich weiter in endloser Langsamkeit vorwärtsbewege. Ich hinterlasse eine Spur aus menschlichen Ausscheidungen auf dem Boden. Egal. Ich lasse es laufen, aus allen Öffnungen. Die Pflicht muss erfüllt werden – koste es, was es wolle.

Endlich – das Ziel ist in Sicht. Der Laptop. Umgeben von Licht. Schwer atmend und unter Aufbringung meiner letzten Kräfte reiße ich das Gerät vom Schreibtisch (glücklicherweise fällt es nicht tief, nur vom Sofa auf den Teppich, sodass es noch einsatzbereit ist. Nicht auszumalen, das Ausmaß der Katastrophe, wenn das kostbare Gerät durch den Fall beschädigt worden wäre).

Ich klappe das Gerät auf, die Hände zitternd, ein Finger nagellos, ein anderer in einem grotesken Winkel von meiner Hand abstehend. Ich atme rasselnd und röchelnd und wische mir grob Speichel und Blut vom Kinn, jetzt ganz aufgeregt, weil ich endlich meinem Zweck, der Pflichterfüllung, nachkommen kann.

„Sehr geehrter Herr Stephens. Den gewünschten Text finden Sie im Anhang. Ich hoffe, er entspricht Ihren Vorstellungen.“

Ich klicke auf „Senden“, jauchze vor Freude kurz auf und spucke einen Strahl Blut auf den staubigen, zerkratzten Holzboden, während mich 10.000 Vorschlaghämmer malträtieren. Ein guter Tag.

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