[Ein Vorhang öffnet sich]
„Das ist eine ganz, ganz fragile Beziehung, die wir miteinander pflegen. Also, wir als Leser mit dem Autor.“, rufe ich.
„Und umgekehrt doch auch, also: Wir als Autor mit dem Leser. Denn noch schlimmer wäre es doch, wenn …“, sagt O. und will noch irgendwas hinzufügen, aber ich unterbreche ihn.
„… Genau, O. Noch schlimmer wäre, wenn sich irgendjemand durch das ertappt fühlt, was wir schreiben oder – am allerschlimmsten – sauer wäre, weil es stimmt, was wir schreiben, auch wenn irgendjemand das nicht zugeben will. Das wäre ganz, ganz schlecht, denn als Autor die Lesenden zu verärgern, ist gar keine gute Idee.“
„Sie zu vergrätzen, meinst du“, sagt O.
„Genau, O. Das hast du schön gesagt. Vergrätzen. Du verstehst mich, wie immer“, sage ich und schenke ihm ein Lächeln. „Und denk immer an unser großes Ziel, O. Wir müssen nämlich fierce sein, unsere Wahrheit sprechen und uns gar nicht scheren um all das, ALL DAS HIER [macht eine ausladende Geste mit der Hand]. Wir sind nämlich carrier of light, shining rays of happiness, proud warriors of truth, jawohl, und uns kann gar niemand etwas anhaben, sowas wie Zensur gibt es für uns gar nicht, das existiert doch gar nicht, und wenn, dann nur in deinem Kopf, was daran liegt, dass du so eine zickige Drama-Queen und übersensibel bist und dir alles nur einbildest und denkst, du wärst wohl irgendwie besser als andere Menschen oder irgendwie ‚besonders‘, O. Wir sind Künstler, O. Verstehst du nicht? Artists, meine ich. Talents. Und wenn wir doch Angst haben sollten vor anderen Menschen, ach, was sag ich – vor der Welt!, dann können wir mit einem guten Coaching für 3.865 € netto lernen, auch diese Angst abzulegen wie alles andere, was uns belastet, und endlich unser Ziel erreichen, #bossbabes zu werden, ist das nicht toll. Wir könnten lernen, wie wir unser Mindset ändern und endlich unser Potenzial voll ausschöpfen, das wäre so schön. Wir könnten Wale streicheln.“
„Wale streicheln …“, wiederholt O. mit verträumtem Blick.
[Beide verbeugen sich]
[Exeunt]