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Métro.

Intensive fragende Blicke in meine Richtung. Es sieht so aus, als würde die Person versuchen, sich daran zu erinnern, ob sie mich kennt. Vielleicht denkt sie, sie hätte mich mal in einer Bar getroffen oder im Flur oder im Supermarkt um die Ecke. Immer wieder schaut sie fragend zu mir, entscheidet sich dann aber dazu, nichts zu sagen. Vielleicht will sie auch etwas anderes wissen. Ich weiß es nicht.

Menschen mit grauen gelockten Kurzhaarfrisuren mit Reiseführer in der Hand, die Fremde fragen, wo sie aussteigen müssen. Menschen, die 10 Minuten lang starr auf ihr Smartphone schauen. Menschen, die mit ausdruckslosem Blick ins Nichts schauen. Menschen mit wallenden Kleidern, auf denen das Gesicht der heiligen Maria abgebildet ist. Auf dem Kleid steht: „Le cœur immaculé de Marie“. Kreidebleiche Menschen mit Augenringen, die in meine Richtung schauen und dann schnell wegschauen, wenn ich schaue. Wenn ich wegschaue, schauen sie wieder in meine Richtung, und ich frage mich, ob das etwas mit meinem Gesicht zu tun hat und ob damit irgendetwas nicht stimmt.

Links zischt jemand „zzzzzz“ ganz nah an meinem Ohr, und ich zucke zusammen. Meine Augen wandern jetzt durch den Wagon, aber nur am Boden entlang, und mein Kopf ist gesenkt. Überall sind Stimmen, aber ich verstehe nicht, was sie sagen, und Blicke sind auf mir, und ich weiß nicht, was sie denken. Die Tür öffnet sich, und Menschen strömen die Treppe hoch zum Ausgang der Métro. Ein bleicher Mann läuft gegen den Strom, vom Ausgang zum Gleis die Treppe und hält sich die Hände vors Gesicht, um sich vor Blicken zu schützen, und sagt: „J’ai peur, j’ai peur.“ – „Ich habe Angst, ich habe Angst.“

Kategorie: German, Paris

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